06. März 2014

"Werde Fachkraft - aber bloß nicht Akademiker"

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SpiegelOnline-Artikel zum Thema berufliche Fortbildung vom 06.03.2014

"Ich bin doch eine Fachkraft! Ich war auf der Uni!" Trotz abgeschlossenen Studiums finden viele keinen passenden Job. Da hilft nur, Denkbarrieren zu überwinden, findet Karriereberaterin Svenja Hofert: Warum soll ein Techniker nicht im Marketing glücklich werden?

Gestern sprach ich mit einem Kunden, der 180 Bewerbungen abgeschickt hat, bislang ohne Erfolg. Er ist intelligent und eloquent, ein Akademiker mit fundiertem betriebswirtschaftlichen Studium und internationaler Erfahrung - allerdings hat er keinen technischen Hintergrund. Mit reinem BWL-Studium beträgt die Einladungsquote kaum fünf Prozent - wäre er Wirtschaftsingenieur, wäre die Chance auf ein Vorstellungsgespräch höher.

"Ich bin doch eine Fachkraft! Ich habe doch studiert!", höre ich oft. Ja, aber leider in vielen Fällen das Falsche mit Blick auf den Arbeitsmarkt. Es werden nur bestimmte Fachkräfte gesucht - und man höre und staune: Das sind überwiegend keine Akademiker. Der Fachkräftemangel betrifft überwiegend nicht akademische Berufe. Gesucht werden nicht noch mehr Bachelor- und Master-Absolventen, sondern Handwerker und Techniker sowie Krankenschwestern und Altenpfleger, am liebsten mit Zusatzqualifikationen.

Bei den Akademikern erscheinen ausschließlich Ingenieure, Ärzte und Verwaltungsfachkräfte in der Liste der Engpassberufe, die das Bundesministerium für Wirtschaft ermittelt - das sind Berufe mit weniger als einem Bewerber pro Stelle.

Ich glaube, dass viele Berufsberater an diesen Statistiken vorbeiberaten. Wer bei einer Beratung der Arbeitsagentur ankreuzt, er arbeite gern im Freien, kommt mit einer Empfehlung "Gärtner" heraus, schreibt Martin Gaedt in seinem Buch "Mythos Fachkräftemangel". Das größte Berufsberatungsinstitut arbeitet mit völlig unzureichender Software - und die Berater gleichen das meist nicht durch Know-how und Empathie aus, im Gegenteil.

Beruf nach Interessenlage? Damit sind Jugendliche überfordert

Die Coaching-Welle bringt aus meiner Sicht weitere gefährliche Entwicklungen mit sich. Private Coaches übertragen nämlich den Gedanken, auf junge Leute, dass man schon den richtigen Beruf findet, wenn man nur seinen Interessen folgt. Damit sind die Jüngeren erstens vollkommen überfordert. Zweitens kommen sie so nur auf Berufe, die verfügbar sind, weil man sie kennt und weil sie mit schönen Dingen zu tun haben.

Natürlich kann man Interessen nicht außen vor lassen - aber wie wäre es mit dem Mittelweg? Kein Berater kann alles wissen und kennen, aber er muss die methodische Kompetenz haben, jemanden zu einer Lösung zu führen, die ihm eine gute Basis bietet.

Warum nicht ins Handwerk?

Die meisten jungen Frauen werden den Beruf des Maschinenbautechnikers auf den ersten Blick für sich ablehnen, aber auf den zweiten und dritten? Mein Sohn hatte gerade Projektwoche "Mode" in der Schule - warum kann man so was nicht für technische Berufe machen und zwar sehr früh und auch bei Gymnasiasten?

 

Auch die würden vielleicht als Elektroinstallateur viel glücklicher werden, wenn sie nicht ihr Schulleben lang auf andere Berufe und andere Zukunftsperspektiven getrimmt würden. Und Statusdenken keine so starke Rolle spielte. Zumal das Gehalt oft kein Argument ist: Für studierte Illustratoren, Redakteure oder Modedesigner ist ein Verdienst von 1600 Euro brutto nicht ungewöhnlich. Damit stehen sie finanziell schlechter da als ein Friseurmeister, der seine Nische gefunden hat. Was nützt Leidenschaft, wenn man nicht von seiner Arbeit leben kann - schon gar nicht in der Großstadt?

Ich habe auch Maschinenbautechniker beraten, die lieber ins Marketing oder in den Vertrieb gegangen sind, weil sie eigentlich lieber "was mit Menschen" zu tun hatten. Sie hatten viel weniger Probleme, Jobs zu finden und waren überall gut vermittelbar, was weithin unterschätzt wird. Was nützt es mir, wenn ich nur Jobs in Berlin finde, aber irgendwann nach Bayern aufs Land ziehen möchte?

Ich habe vor drei Jahren die These aufgestellt, dass kaufmännische Berufe akademisiert werden und der Abschluss nicht mehr viel Wert sein wird. Das würde ich heute doppelt unterstreichen. Aber ich würde als Alternative noch viel mehr auf technische und handwerkliche Berufe hinweisen, als ich es damals getan habe.

 

Quelle: www.spiegel.de/karriere/berufsleben/fachkraeftemangel-kaum-akademiker-gesucht-a-956943.html